Friedenauer Aktzeichnerei
7. März bis 18. April 2010
(geöffnet nach Vereinbarung)
- Jürgen Hoffmannn - Bodil Horstmann - Wolf Lützen - Bernhard Nürnberger -
- Reent Schwarz - Krista Tebbe - Fritz Weigle -



Wolf Lützen: Rede zur Ausstellungseröffnung am 7. März 2010
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Gebrauchsanweisung: Aufstellung eines Lesepultes mittig an der 4. Seite eine annähernd quadra-tischen Raumes, dessen andere drei Seiten in freier Anordung mit diversen gerahmten Aktzeichnungen und -aquarellen bestückt sind. Wasserglas. Manuskript. Laut lesen.
Der
Leib und das Zeichnen – Dies wird keine Rede. Es ist ein Versuch, einen Aktionsraum zu evozieren. Ein Notiz-Zettel, um die Elemente und Beziehungen dieses Feldes zu gruppieren.
Das Gegenüber: Die Wucht der Nähe und des Bloßen, des nahen und bloßen Leibes. Kopf, Hals, Schulter,
das Unerklärliche und doch im Prinzip Bekannte der Volumenfolge
des menschlichen Körpers. Kopf, Hals,
Oberkörper, Oberarm, Unterarm, Hand. Wie ein Hüftknochen aus dem Körper ragt. Wie ein Bauch hängt, steht oder sich staucht. Gelenke, Biegsamkeit. Die Fülle des Oberschenkels der Tänzerin. Der Mensch –
ein Röhrenwesen, zum Beispiel Katharina: extreme Gliedmaße.
Fingergeflecht. Finger Becken-Verschiebung.
Schulter-Verschiebung. Das Ganze eine Körpergeste,
Verhältnis zur Welt. Eine andere Dimension und doch gleichzeitig: Hautklang.
Das Machen: die Auseinandersetzung mit dem Besonderen des Details beispielsweise mit der Konstruktion der Hand. Mit dem Unterbau des Kopfes, der Hals ist doch kein Rohr oder genauer - nicht nur. Die Situation diszipliniert:
Das offene Geheimnis
der Proportion, des Körper-Rhythmus. Die innere Logik der Glieder,
ihre Komplexität, ihre Verzahnung. Ihr Zusammenhalt. Ihr Ineinandergesteckt-Sein. Details: Manchmal stören Haare, stört ihre Fülle, ihre Textur. Irenes Korkenzieher-Locken. Das Zeichnen: Linie oder
Fläche oder Volumen? Der Schnitt in die
Ebene des Blatts. Der Akt des Produzierens. Das Eine: Was ich sehe, was
ich von früher weiß. Was Hand und Arm noch wissen vom früheren
Zeichnen. Zeichen-Gedächtnis. Das Andere: Was man weiß aus dem Traditions-Gitterwerk der Kunstgeschichte. Das Werk der Vorläufer ist im Kopf, ebenso ihre Faszination, ihre Beherrschung der zeichnerischen und gestalterischen Mittel. Das Erbe der Meister: Pontormo,
Parmigianino, Caracci, Holbein, Ingres, Modigliani, Rodin, Lehmbruck,
Schiele, Picasso. Aktzeichnen als Arbeit: Eine Stellung in
einer Viertelstunde: das sind 15 mal 60 Sekunden gleich 900 Sekunden
Arbeit.
Zurück zum Zeichnen:
Schon ein Finger ist eine Herausforderung oder eine Brust – und dann von allem so viel in vergleichsweise kurzer Zeit. Körper-bildende
Mittel: Verdichtung Linien,
Geflechte
Das
Modell: Es spielt mit seinen
Gliedmaßen, mit der Situation, mit uns. Aus dem Blickwinkel
des Modells: Ich präsentiere meinen Körper für euch Betrachter. Ich inszeniere ihn, mich, mich als Körpergeste. Die Materialität
eines Blicks, seine Widerständigkeit. Wucht und Macht
des Anderen, der Anderen. Identität von Blick, Körper, Haltung und Person Die
Positionen: Eleganz und Distanz
der Pose : Modelle mögen
extreme Positionen: Das Ergebnis: Die Erfahrung der Distanz, der Lücke, des Fehlens wesentlicher Merkmale in der Zeichnung beim Vergleich mit dem Modell Habe ich die Grund-Geste, das Gesten-Repertoire, etwas von der Präsenz des Modells hinübertragen können? Die Situation aus
meiner Sicht: Das Licht auf dem Körper. Zeichnerisch Hilfe und Zumutung. Das Körpergefühl
und seine Wiedergabe Der
Zeichner:
Der Kopf dazwischen:
verteilt er Label? Zwischenspiel:
Zurück zum Zeichengrund: Papier - Haut der
Zeichnung? Einschreiben der Flächen, der Tiefen, der Schatten.
Materialien: Harter Rötel,
spröde und weiche Zeichenmaterialien, raue und glatte. Graue Stifte,
farbige Stifte, Ruß. Kohle, Kreide. Aber auch Pinsel und Farbe
u.v.a.m. Mitunter Frust. Mitunter Spaß. Agieren wir beim Zeichnen wie die Alten? Gilt noch das Streben Pygmalions, der sein Werk lebendig werden sehen wollte? Der Zeichen-Akt ist Metamorphose: aus 3 Dimensionen 2 zu machen und doch die Dritte anklingen lassen. Akt-Zeichnen ist
Auseinandersetzung mit der Unmittelbarkeit des Leibes, Es ist zugleich das Bemühen dieses neue Zeichenhafte festzuhalten, es auf das Papier zu bannen. Jeder große Zeichner/Maler/Bildhauer hat den Leib auf seine Art gelesen und uns seine Sicht wieder gegeben. Ich
erinnere an,
die strenge Lineatur auf griechischen Vasen das Fest der goldenen Glieder bei Giorgione das Leuchten der Haut und die Lust an der Fülle bei Rubens das süße Leben bei Boucher die malerische Konstruktion des Leibes bei Ingres die Architektur des Tanzes und des Körpers bei Degas. das Farbvolumen der gemalten Modelle bei Modigliani.
das Abenteuer Leib bei Schiele. den Körper als Projektionsfläche der Begierde bei Klossowski. Abschließend zwei Zitate:
Max Ernst 1962
Joseph Joubert (Ende des 18.Jhs.) Viel Nachtrag: Rebecca ist die Frau mit dem Bauch. Denn gibt es nicht mehr, inzwischen hat Juri das Licht der Welt erblickt. ________________________________________________________________ Wolf Lützen
zum 7.März 2010 aus Anlass der Präsentation von Copyright beim Autor ins Netz gestellt mit freundlicher genehmigung des Autors. Fotografien: Reent Schwarz, B.N. (c)
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